KI made in Hagen: Verantwortung bei digitalen Bildungssystemen
An der FernUniversität hat sich in kurzer Zeit ein beeindruckendes Ökosystem rund um generative KI entwickelt: Projekte, Kooperationen und Eigenentwicklungen.
Foto: Holger Jacoby
Künstliche Intelligenz (KI) ist längst ein zentraler Bestandteil des wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Diskurses. Auch an der FernUniversität in Hagen hat sich in kurzer Zeit ein beeindruckendes Ökosystem rund um generative KI entwickelt. Projekte, Kooperationen und Eigenentwicklungen greifen ineinander, um Lehre, Forschung und Verwaltung zukunftsfähig zu gestalten. Die Initiative trägt den Stempel „KI made in Hagen“ – praxisnah, wissenschaftlich fundiert und mit Blick auf die besonderen Anforderungen des Fernstudiums.
„Wir reformieren das Fernstudiensystem nicht nur, wir überführen es in die Zukunft“, sagt Prof. Claudia de Witt, Prorektorin für Lehre, Studium und KI in Bildungsprozessen. Dabei helfen Künstliche Intelligenz und Learning Analytics (LA), also automatisierte Entscheidungs- und Lernsysteme sowie die Analyse und Interpretation von Lerndaten zur Verbesserung von Lernprozessen.
Muster erkennen, wie Menschen lernen
„KI ist die ,Maschine‘, die Muster erkennt und Entscheidungen trifft. LA ist die Folie, mit der wir verstehen, wie Menschen lernen“, beschreibt es de Witt. „Die ganze FernUni ist auf dem Weg, sich mit KI und Learning Analytics auseinander zu setzen. Das bedeutet, es kommt in allen Bereichen zum Einsatz.“ Als Grundlage hat die FernUni eine KI-Strategie aufgesetzt, die strategische Ziele und Handlungsfelder für alle Bereiche der Institution ausflaggt – „und vor allem mit Datenschutz, ethischen Richtlinien und einer Datentreuhandstelle verbindet“, hebt die Prorektorin den ganzheitlichen und verantwortungsvollen Umgang hervor.
Es geht um weit mehr als den Einsatz von KI-Tools, es geht um Kompetenzerwerb für Studierende wie Beschäftigte über Fortbildungsangebote. Es geht um Forschung mit und rund um KI – wie sie vor allem im Forschungszentrum CATALPA (Center of Advanced Technology for Assisted Learning and Predictive Analytics) an der FernUni geleistet wird. „Wir stärken den Theorie-Praxis-Transfer. Erkenntnisse aus der Forschung fließen in Lehrszenarien und Tools ein“, skizziert de Witt. „So fördern wir persoanlisiertes Lernen und sichern eine datenschutzkonforme Nutzung.“
Foto: Hardy Welsch
Unsere breite Datenbasis ist eine verlässliche Grundlage für Learning Analytics und ermöglicht spannende Vergleiche zwischen Fachkulturen.
Ioana Jivet, Jun.-Prof. am Forschungszentrum CATALPA,Exzellenz in der digitalen Lehre
Ein zentraler Baustein dieser Strategie ist das Projekt LEAD:FUH – Learning Empowerment through Analytics and Data, das seit Oktober 2025 von der Stiftung Innovation in der Hochschullehre gefördert wird, über die komplette Laufzeit mit bis zu sieben Millionen Euro. Damit gehört die FernUniversität zu den bundesweit herausragenden Einrichtungen im Bereich digitaler Hochschulentwicklung – und ist eine von nur vier nordrhein-westfälischen Universitäten, die in der Förderlinie „Lehrarchitektur“ ausgezeichnet wurden. „Die Förderung ist ein starkes Signal für die Exzellenz digitaler Lehre und würdigt die Rolle der FernUniversität als Modellhochschule für das Lernen der Zukunft“, betont Rektor Prof. Dr. Stefan Stürmer.
Das Ziel des Projekts ist wegweisend: LEAD:FUH baut eine hochschulweite Lehrarchitektur für den evidenzbasierten Einsatz von Learning Analytics auf. Dabei werden alle fünf Fakultäten der FernUniversität mit ihren jeweiligen Fachkulturen einbezogen – ein deutschlandweit einzigartiger Ansatz.
Die Pilotprojekte umfassen drei zentrale Anwendungen:
• Abbruchprognosen und frühzeitige Interventionsmöglichkeiten,
• Personalisierung von Lerninhalten mithilfe von KI,
• sowie intelligente Dashboards zur Unterstützung selbstregulierten Lernens.
Potenziale didaktisch, organisatorisch und kulturell erschließen
„LEAD:FUH steht für Exzellenz in digitaler Lehre und für den Anspruch, die Potenziale von KI und Datenanalytik nicht nur technisch, sondern auch didaktisch, organisatorisch und kulturell nachhaltig zu erschließen“, so Stürmer weiter. Das Projekt knüpft an ein interdisziplinäres Vorhaben an, das gemeinsam mit dem Zentrum für Lernen und Innovation (ZLI), dem Zentrum für Digitalisierung und IT (ZDI), dem Forschungszentrum CATALPA und weiteren universitären Einheiten entwickelt wurde. Diese enge Zusammenarbeit bildet die Grundlage für ein Ökosystem, in dem technologische und didaktische Innovation Hand in Hand gehen.
„Gerade der Einbezug der Fachkulturen macht das Projekt so besonders und anschlussfähig für andere Hochschulen“, erklärt Dr. Annabell Bils, Geschäftsführerin des ZLI. „Wenn etwa in der Fakultät Psychologie ein Learning-Analytics-Tool eingeführt wird, das Lernverhalten analysiert und individuelles Feedback ermöglicht, geschieht das in einem datenaffinen Umfeld mit methodischem Fokus. In Fakultäten ohne solche Traditionen wird der Einsatz besonders sensibel gestaltet – durch partizipative Verfahren, transparente Kommunikation und intensive curriculare Begleitung.“
Foto: Volker Wiciok
Mit einem 360°-Showroom zur Organisationsentwicklung und einem Open-Access-LA-Toolkit wird LEAD:FUH bundesweit als Beispiel guter Praxis sichtbar. Beide Werkzeuge richten sich an Hochschulen, die eigene Learning-Analytics-Strategien entwickeln möchten – evidenzbasiert, rechtssicher und partizipativ.
Für Rektor Stürmer ist die Förderung daher „nicht nur ein finanzieller Erfolg, sondern ein inhaltliches Signal für die Qualität, Innovationskraft und gesellschaftliche Relevanz der Lehre an der FernUniversität.“
KI-Feedback für mehr Lernerfolg
Bereits im Regelbetrieb ist das KI-gestützte Feedback-System COFFEE (Corrective Formative Feedback). Es liefert Studierenden didaktisch geprüfte Rückmeldungen zu Freitextaufgaben – ein deutlicher Mehrwert etwa gegenüber allgemeinen KI-Chatbots.
Nach erfolgreicher Testphase im Bachelor Bildungswissenschaft ist COFFEE mittlerweile in allen fünf Fakultäten im Einsatz, rund 2.500 Studierende nutzen es regelmäßig. „Damit ist die erste Anwendung aus der Forschung im Regelbetrieb“, sagt de Witt, die das Projekt als Mediendidaktikerin verantwortet hat.
Um KI-Tools praxisnah zu erproben, wurde eine KI-Experimentierumgebung geschaffen – ein Gemeinschaftsprojekt des ZLI und CATALPA. „Es ist total wichtig, dass man Experimentierräume schafft, damit in einem gesicherten Rahmen Dinge ausprobiert werden können“, so Annabell Bils. Lehrende können eigene Szenarien erproben, Erfahrungen austauschen und Ideen für die Integration in ihre Lehrveranstaltungen entwickeln. Ein Beispiel ist der Einsatz von KI im Bereich Handschriftenerkennung, mit dem Prüfungsantworten automatisch digitalisiert werden – ein Schritt, der Lehrenden Zeit spart und Evaluationen erleichtert.
Lernen mit KI – vom Tool zur Lernkultur
Wie kann KI das Lernen fördern, ohne den Lernprozess zu ersetzen? Diese Frage steht im Mittelpunkt des neuen Kurses „Lernen mit KI“, der im Rahmen von studyFIT am ZLI entwickelt wurde. „KI kann als Lernbegleiter fungieren, das vermitteln wir“, fasst Dr. André Biederbeck zusammen. Die Teilnehmenden lernen, wie KI Quizfragen generiert, Podcasts unterstützt oder Quellcodes generiert. „Programmieren schreckt viele ab“, ergänzt Dr. Moritz Kohls. „Aber der Kurs zeigt, dass Quellcodegenerierung hilfreich ist.“ Niederschwellig und anwendungsorientiert aufs eigene Studium. Seit dem Start im Oktober 2024 sind rund 2.000 Studierende geschult worden – niedrigschwellig, praxisnah und reflektiert im Umgang mit rechtlichen und ethischen Fragen.
Ein Netzwerk, das zusammenwächst
Mit der Kombination aus Wissenschaftlichkeit, interdisziplinärer Zusammenarbeit und praxisnaher Innovation positioniert sich die FernUniversität in Hagen als Vorreiterin für den verantwortungsvollen Einsatz von KI im Hochschulkontext – und als Kooperationshochschule für datengestützte Lehrinnovation im deutschsprachigen Raum. „Wir sind schon gut vernetzt, etwa über den KI Campus, die Digitale Hochschule NRW, Forschungsinstitute und das Hochschulforum Digitalisierung“, nennt Claudia de Witt exemplarisch Partnerinstitutionen. „Das wollen wir erweitern – um auch weiterhin vorneweg dabei zu sein.“

Beitrag aus dem Wissenschaftsmagazin fernglas 2025/2026.
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